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Der ganz normale Wahnsinn - Fußball auf afrikanisch
Jan Bröhan (35) ist freier Sportredakteur und surft und reist seit 2001 durch (Süd-) Afrika. Der Backpacker Mantis and Moon, südlich von Durban, ist sein zweites Zuhause. Für unsere Brauerei Zwiefalter berichtet er wöchentlich über die WM aus einem etwas anderen Blickwinkel:
Fußball ist nicht mehr König in Südafrika, die WM ist vorbei. Zwei Tage nach dem Finale verebbten die Gespräche und die holländischen Tränen meines Freundes Gert waren auch getrocknet. Der schnelllebige Alltag hat auch die etwas langsameren und gemütlichen Südafrikaner wieder eingeholt. Die WM 2010 bleibt dennoch in Erinnerung und die Südafrikaner, ob schwarz, farbig oder weiß, werden noch sehr lange stolz sein auf ihre erfolgreiche WM. "Nun weiß die ganze Welt, dass wir ein solches Großprojekt meistern können, und alle Menschen wissen nun, wie schön es bei uns ist", ist das Einheitsgefühl. Und alle Südafrikaner waren für einen Monat vereint, wieder wurde ein kleiner Schritt gemacht in eine bessere Zukunft, die seit dem Ende der Apartheid die große Hoffnung ist. Es bleibt noch ein langer Weg.
Die WM hat Südafrika vor allem einen milliardenschweren Schuldenberg hinterlassen. Und die Regierung muss und will in Zukunft noch mehr investieren, um die Kluft zwischen Reich und Arm zu verringern. Die Kritik an der Fifa ist in Südafrika groß. Das Fußballimperium hat ein Milliardengeschäft mit der WM gemacht, Sepp Blatter verkauft sich gern als Friedensbringer und Entwicklungshelfer, doch Südafrika hat nur einen Klecks vom Gewinn abbekommen.
Auf lange Sicht haben sich die Investitionen für Südafrika aber gelohnt. Die Infrastruktur wurde verbessert. Die Sicherheit wurde immens verbessert und die Regierung hat gerade mitgeteilt, dass die 20 000 zusätzlich für die WM eingestellten Polizisten im Job bleiben und weiter an ihren Einsatzorten die Kriminalität verdrängen sollen. Die Werbung für das Urlaubsland Südafrika wird sich in den kommenden Jahren ebenso auswirken. Zudem dürfte das Land neue wirtschaftliche Investoren gewinnen, da es sein Potential gezeigt hat. Auch die Armen, wie Straßenhändler, haben während der WM trotz der zahlreichen Fifa-Verbote gute Geschäfte gemacht. Der Kampf gegen Aids ging ebenso in die nächste Runde: Mit zahlreichen Werbespots und mit afrikanischen Helden wie Didier Drogba wurde besonders den jüngeren Generationen die Gefahr ins Bewusstsein geschossen. Der Effekt sollte nicht unterschätzt werden.
König Fußball hat Südafrika sicherlich Gutes getan, vor allem stolz gemacht.
Doch: Nun rollt der Ball nur noch in den Townships und auf den Bolzplätzen mit selbstgebauten Holztoren ohne Netz, die in Südafrika an jeder Ecke zu finden sind - die futuristischen Stadien sind verwaist, und die meisten für die WM gebauten Stadien werden es wohl auch bleiben und zu Denkmälern der WM 2010 verkommen. Beispiel Durban, für viele das schönste aller Stadien: Durban hat keine erstklassige Fußballmannschaft und somit keinen Mieter fürs Stadium. In der benachbarten Stadt Pietermaritzburg schlägt sich ein unbekannter Verein jede Saison mehr schlecht als recht durch die Premier League und war mal als potentieller Mieter im Gespräch: Doch weil der Verein das Stadium nur zweimal pro Saison füllen könnte, nämlich wenn die einzigen beiden beliebten Fußballteams, Orlando Pirates und Kaiser Chiefs, gastieren, wäre das Mieten des Stadiums ein Minusgeschäft für den Verein. Die Stadt Durban wollte am liebsten die Sharks, eine der besten Rugbymannschaften der Welt und Durbans großer Stolz, in dem Fußballstadium sehen. Das Problem ist aber, dass das Stadium nicht für Rugby konzipiert wurde. Da eine Seite offen ist, wäre eine Mannschaft bei starkem Wind, und den hat die Hafenstadt nicht selten, immer benachteiligt.
Auf das schöne Stadium ist in Durban aber jeder stolz und sollte es tatsächlich zu einem Denkmal verkommen, dann zu einem mit emotionalen Erinnerungen. Jeder Schweizer wird sich an den historischen Sieg über Spanien erinnern, jeder Deutsche wird sich an die bittere Niederlage gegen Spanien erinnern...
